Wieso Grönemeyerismus?

Es geht um eine vor kurzem angekündigte Dortmund-Dependance der berühmt-erfolgreichen TV-Krimireihe “Tatort”, der von Lars Banhold am vergangenen Donnerstag bei jetzt.de mit erhobenem Zeigefinger zurechtgewiesen wird, sich aber nicht wehren kann. Wehren kann sich der jüngste Sprössling der traditionsreichen ARD-Koproduktion deswegen nicht, weil er quasi das ungeborene Kind in der Debatte ist: Die erste Folge werden hiesige Klischee-Fans erst im kommenden Jahr serviert bekommen.

Bezogen hat sich Banhold vermutlich auf die Ankündigung der Süddeutschen, deren Schirmherrschaft über jetzt.de steht, und die selbst nicht viel über den zu erwartenden Inhalt der Sonntagabend-Unterhaltung verrät. Vorgestellt werden die Darsteller und eine neue Erzählweise, einzig die Erwähnung des hier (zweifellos zu erwartenden) “typischen trockenen Humor[s] der Region” weist darauf hin, dass der WDR hier Gefahr laufen könnte, eine erneute Pottklamotte obersten Ranges in den Markt zu werfen, in dem der Tatort seine Position doch ohnehin sicher hat.

Kritisiert wird – jetzt schon – die Konzentration auf die stereotype Pottkultur eines Horst Schimanski, auf dreckige Industrieanlagen, in denen die Verfolgungsjagden noch kernig per Fuß erfolgen, auf Currywurst statt Haute Cuisine. “Wider den Grönemeyerismus” lautet der Titel, der eines der berühmtesten Kinder unserer Region brandmarkt als treulose Tomate, weil er seinerseits das Ruhrgebiet wohl nicht so ehrlich, bodenständig (oder gar angenehm) finden kann, wenn er selbst doch in England wohnt.

Nach einigen Diskussionen finde ich die Thematik wert, einmal meine Meinung dazu sagen, denn vielfach ist besagter Kommentar (bei jetzt.de als “Meine Theorie”) eingeordnet in meiner Facebook-Umwelt kommentiert und “geliked” worden. Zugegeben: Die in Sachen Geografiepenibilität großzügig zu bewertende Angabe, der Hauptdarsteller Jörg Hartmann stamme selbst aus dem Ruhrgebiet geht mir persönlich dann doch etwas zu weit – offiziell ist sie aber korrekt. Viel mehr kontroverses, schon gar nicht über den Klischeegehalt der neuen Tatorte, ist dort aber nicht zu finden. Eine der Vermittlerinnen ist türkischer Abstammung, spricht selbst aber kein Türkisch. Halte ich für durchaus im Bereich des Möglichen liegend. Damit mir keine Einseitigkeit unterstellt wird: Auch bei DerWesten, der Rheinischen Post oder gar dem WDR selbst finden sich keine konkreten Hinweise auf Klischeemeierei.

Und einmal ganz davon abgesehen, dass hier außerordentlich vorschnell geurteilt wird – über ungelegte Eier sozusagen – möchte ich doch einige Fragen aufwerfen, die ein Stück weiter gehen. Ich bin mir dessen bewusst und auch sicher, dass das alte Kohlen-, Kumpel- und Kiosk- (entschuldigung, “Buden”-) Image mittlerweile einer Evolution unterlegen sein sollte, die unsere schöne Heimat als nicht mehr ganz so dreckig, nicht mehr ganz so unfreundlich, nicht mehr ganz so hart erscheinen lassen sollte. Daran arbeiten Kultur, Städte, der RVR und wasweißichnichtnoch wer. Aber mal ganz im Ernst: Als was soll sich das Ruhrgebiet (oder Dortmund im Speziellen, das ich im Übrigen als Vertreter der Region akzeptiere, obwohl hier die Borussia zuhause ist) denn schon darstellen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass aktuelle Entwicklungen und der Technologie- und Dienstleistungsstandort “Pott” nicht bereits überregional bekannt sind. Zechenruinen, Industriemeilensteine, gigantische Kraftwerke, Kokereien etc. haben sich auch über die Region hinaus bereits als Nah- (oder Wenigernah-) Erholungsgebiet entpuppt, Wissenschaft und Forschung, Dienstleistung, Shopping: Nichts davon ist in Deutschland mehr zu finden als hier. Aber was unterscheidet uns am meisten vom Rest unserer Republik? Ist es nicht die Vergangenheit als Motor der deutschen Industrialisierung? Das kernige, das bodenständige, das ehrliche blablah. Ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr mir mit Ideen weiterhelfen könntet, was denn der neue Tatort als Eckpfeiler des Standorts Dortmund mit in die filmische Kulisse aufnehmen sollte. Ein bisschen Fußball gehört doch wohl dazu, schließlich ist hier der deutsche Meister zuhause. Nicht zu Unrecht verkündet Hauptdarsteller Hartmann, er fühle sich als Dortmunder, obwohl er selbst in Herdecke aufgewachsen ist, denn “halb Borussia Dortmund wohne” dort.

Kurz ist bei Banhold sogar ein Ansatz zum Rundumschlag angedeutet: In einer Klammer wird sozusagen nebenbei eröffnet, Paris sei ebensowenig romantisch wie das Ruhrgebiet. “Was?” möchte der klischeebehaftete Ottonormalbürger hier aus sich herausschreien: Paris nicht romantisch? Wenn die Welthauptstadt der Liebe, Paris, nicht romantisch ist, was um Horst Schimanskis Willen ist es dann? Wir sprechen vom konstruierten Image eines Standorts, einem Alleinstellungsmerkmal, letztendlich von Marketing, sei es nun gut oder schlecht. Ich bin der letzte, der behaupten würde, diese ganze Geldmacherei von wegen Grubenmann, Pottkind, Zechenkind, Kokereiwurst und wie sie alle heißen gingen ihm nicht reichlich auf den Christstollen. Fakt aber ist, dass irgendwo die Ideen herkommen müssen, und ich denke, jeder, der es besser zu wissen glaubt, ist hochwillkommen, eine aussagekräftige Bewerbung an die Marketingmaschinerie unserer Region zu senden. Funktionieren tut diese nämlich allemal und nicht alles an diesen eher tourismusorientierten Produkten (ginge es jetzt zu weit, den Tourismus als äußerst wichtig für das Ruhrgebiet noch mit hineinzunehmen?) ist schlecht, es sind nämlich massenhaft gute Ideen und qualitativ hochwertige Dinge dabei.

Langer Rede nicht ganz so kurzer Sinn: Ich appelliere erstens an die Geduld. Erst einmal abwarten und schauen, wie hier gewattet und gedattet wird, wie viel Bier und Currywurst am Büdchen konsumiert, wie viele Verfolgungsjagden zwischen alten Kohleförderungskomplexen absolviert und wie viel Dreck, Schmutz, Bodenständigkeit und Ehrlichkeit nun wirklich unsere vor Lebensstandard nur so strotzende, sauber glänzende und die Etepetete geradezu in sich aufgesogen zu haben scheinende neue Ruhrgebietskultur im neuen Tatort hinter sich versteckt. Beschweren können wir uns hinterher immer noch. Nicht ich, denn der große Tatort-Fan war ich noch nie, auch wenn ich genug davon gesehen habe, um beurteilen zu können, dass die jeweiligen Ausgaben von regionaler Verschiedenheit leben.

Zweitens muss jeder, der all die Stereotypen im Vorfeld schon aus seiner Idealvorstellung eines neuen Ruhrgebiets-Tatorts verbannt, sich Gedanken um Alternativen machen. Ich greife die Frage von oben wieder auf: Nennt die Dinge beim Namen und stellt ein schlüssiges Konzept vor, wie der Pott sich anderen gegenüber klar abgrenzbar positionieren kann, oder anders formuliert: Macht es besser. Ich bin mir recht sicher, dass die Verantwortlichen beim WDR sich der Problematik durchaus bewusst sind. Und ganz davon abgesehen, dass Grönemeyer Bochumer und nicht Dortmunder ist: Der Punkt ist doch nicht, wie fest jemand an der Region hängt. Meiner Meinung nach treffen all diese klischeehaften Adjektive, die hier verteufelt werden, weiterhin zu, wenn auch nur durch Marketing. Die Frage ist doch letztendlich nur, ob man es mag oder nicht.

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2 thoughts on “Wieso Grönemeyerismus?

  1. anika says:

    Du so:
    Ich bin der letzte, der behaupten würde, diese ganze Geldmacherei von wegen Grubenmann, Pottkind, Zechenkind, Kokereiwurst und wie sie alle heißen gingen ihm nicht reichlich auf den Christstollen.

    Ich so:
    Geldmacherei bei zechenkind? Sehr oberflächlich gedacht und geäußert.
    Da steckt schon wesentlich mehr hinter. Zum Beispiel neue Arbeitsplätze im Ruhrgebiet. Darüber hinaus stellt zechenkind das RG weltweit positiv dar – fernab von Romantisierung der Vergangenheit oder Kitsch. Es geht um historische Fakten verknüpft mit der Gegenwart in Form von Produkten die bodenständig und “made in Germany/ Ruhrgebiet” sind. Warum sollte man seine Vergangenheit leugnen bzw. das Potential nicht nutzen? Damit arbeitet sowie identifiziert sich jede Region, jedes Land, jeder Staat. Oder erfindest du dich jeden Tag neu?

  2. maxdzellmer says:

    Ich habe niemandem abgesprochen, auch andere Ziele als Geldmacherei zu verfolgen, geschweige denn, dass Ihr Euch verdient macht, in dem Ihr das Ruhrgebiet auch über regionale Grenzen hinaus bewerbt.
    Tatsächlich verstehst du mich wohl falsch: Der ganze Beitrag zielt doch darauf ab, dass eben diese Werbung für das Ruhrgebiet aufgrund seiner eigenen Vergangenheit nun einmal dazu gehört und man sie nicht leugnen sollte.
    Lass dir als Zechenkind versichert sein, dass ich mit dem einen Satz nichts weiter sagen wollte, als dass ich mit den Produkten, die von den aufgezählten Marken vertrieben werden, persönlich nichts anfangen kann, zumal sich mir bei vielen der Zusammenhang mit dem Markennamen nicht erschließt.
    Oder lass es mich anders formulieren: Ich bin auf deiner Seite, also immer weiter so =)
    Wenn ich dir nur einen kleinen Hinweis geben darf: Die Zechenkind-Homepage scheint nicht mit Safari kompatibel zu sein, denn ich kann damit nicht den weißen Hintergrund sehen, ohne den die Schrift nicht lesbar ist.

    P.S. Ich habe in der Tat gerade erst gesehen, dass noch ein Kommentar ausstand. Ich habe ihn also nicht bewusst nicht veröffentlicht. Dafür Entschuldigung.

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